Dr. V. Love

Frage an Dr. V. Love

Als Zielperson der Kampagne «Fairbiker» will ich mich legal verhalten. Allerdings nimmt mir diese Kampagne alle Lust dazu, denn sie ist nicht nur sinnlos, sondern auch beleidigend, vor allem für Velofahrerinnen, da ein Frauenpo abgebildet ist. Mein Verständnis von Fairness als Velofahrerin und mein Bewusstsein als Frau geraten hier aneinander. Was sagen Sie dazu?
H. T. aus Zürich

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Mir gefällt die Kampagne. Ästhetisch wie auch inhaltlich. Der Titel ist catchy, young und spritzig. Ausserdem spricht er alle Schichten männlicher Velofahrer an, vom amerikanischen Touristen bis zum cruisenden Velokurier. Und die Bildsprache … dieser volle, runde, schöne Hintern spricht uns alle an, vor allem die schwer erreichbaren Randgruppen der 12- bis 16-jährigen Jungen und der über 80-jährigen Greise. Toll.
Ich sehe aber auch klar die Schwächen der Kampagne, ihre Unfähigkeit, die Frauen anzusprechen. Weder vom Ausdruck «Fairbiker» noch von einem Frauenhintern fühlen sich Frauen angesprochen. Sollten sie aber. Ich finde es seltsam, wie sehr Sie auf diese Kampagne einschiessen, sie als frauenfeindlich und bedrohlich empfinden. Sie sind doch eigentlich bloss neidisch, dass Sie nach jahrelanger Tätigkeit als Velofahrerin nicht auch einen so knackigen Hintern und ein so geschärftes Fairness-Bewusstsein wie das SVP-Häschen auf dem Plakat haben. Diese Kampagne versucht bloss, dem Velofahren das altlinke Image zu nehmen, durch Innovation und Freundlichkeit, ohne dass Radfahren zum Hedonismus verkommt. Was ist denn bedrohlich daran, wenn nette PolizistInnen am Strassenrand stehen und Broschüren verteilen, die Sie auf dem Pfad zu mehr Eigenverantwortung unterstützen?
Vergleichen Sie diese Kampagne doch einmal mit «Vision Zero»: Jene setzt sich vielleicht nicht dem Vorwurf aus, sexistisch zu sein, dafür hat sie mit ihrem Ziel, Verkehrstote auszumerzen, durchaus faschistoide Züge. Nein, nein, liebe Frau T., von dieser Kampagne haben Sie absolut nichts zu befürchten, denn sie fördert das Fairbiken, statt es zu erzwingen. Sie werden dadurch auf jeden Fall verantwortungsbewusster, und vielleicht schliessen Sie sogar Freundschaft mit einem gut aussehenden, durchtrainierten Polizisten (einer der inoffiziellen Preise des Wettbewerbes in der Broschüre). Also fahren Sie weiter, holen Sie sich eine Broschüre und einen Sticker und outen Sie sich als Fairbikerin, denn Fairness ist nicht geschlechtsgebunden.

Herzlichst
Ihr Dr. V. Love

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