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Seit der Einführung der Reservationspflicht am 1. April fahren die ICN-Züge trotz guter Infrastruktur praktisch ohne Velos. |
Und der Sturm hat sich nicht gelegt. Je näher die
Sommerferien rücken, je mehr TourenfahrerInnen Teilstrecken per Bahn
zurücklegen wollen, desto mehr Leute erfahren überhaupt zum ersten Mal
von dieser Neuerung und reklamieren. Doch wie so oft präsentiert sich
die Praxis auch hier etwas anders als der Buchstabe der Verordnung: «Die
Mehrheit der Kontrolleure fragt gar nicht nach einer Reservation und
drückt mindestens ein Auge zu», hat Michael Städler, jener
Berufspendler, der den Protest im velojournal 1/03 aufs Tapet brachte,
schon mehrmals festgestellt. Die Reservationspflicht werde nur von
wenigen Zugbegleitern wirklich durchgesetzt und meist auch nur dann,
wenn ein Vorgesetzter mitfahre.
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Alternativen, Lösungen, Tricks velojournal-Leserinnen und -Leser haben schon vor Einführung der Reservationspflicht ihre Forderungen bei den SBB deponiert, zahlreiche Alternativvorschläge gemacht und auf Tricks hingewiesen: Reservationspflicht nur am Wochenende Verzicht auf Zuschlag bei den InhaberInnen von Velo-GAs Fahrradtransporte in Velosäcken (z.B. TranZBag). Sie sind auch im Neigezug weiterhin nicht reservationspflichtig. Den jeweiligen Kontrolleur entscheiden lassen, ob das Velo nun ohne Reservation mitfahren darf, oder noch schnell in den TranZBag verpackt werden muss. Umbau je eines Wagens pro Komposition: Ausbau einiger Sitzreihen wie im Doppelstöcker. Das schafft Platz für Gepäck, Kinderwagen und Velos. Kosten pro Wagen: rund 50'000 Franken. Freigabe des einen, immer unbenutzten Gepäckabteils im ICN für Velos. Verlad mit Hilfe des Zugpersonals. Ausweichen auf Züge mit anderen Wagen. |
Argumentationsnotstand
Die Kontrolleure kommen nämlich oft in
Argumentationsnotstand: Wie lässt sich die Reservationspflicht
begründen, wenn die total zwölf Velohaken der ICN-Doppeltraktion alle
leer sind? Und leer sind sie – mindestens an Wochentagen – auch in
diesem Super-Juni gewesen. Michael Städler hat dafür auch eine
Erklärung: Viele Velo-/Bahnpendler weichen seit April auf andere Züge
aus. Jedenfalls hat die Belegung auf der Strecke St.Gallen–Zürich im
langsameren Doppelstockzug mit seinen nur acht Veloplätzen sichtbar
zugenommen.
Mit leeren Veloabteilen aber kommen die SBB in
Argumentationsnotstand. Also die Übung abbrechen? Mitte August wird sich
dies zeigen. Dann treffen sich SBB, VCS und IG Velo zu einer
Aussprache. Die SBB werden dann auch offiziell erfahren, was in den
Zeitungen bereits zu lesen war: Wenn die Reservationspflicht nicht
fällt, wird die Velolobby den Druck auf die Bahn erhöhen – vorerst mit
einer bereits vorbereiteten Petition, später mit Aktionen. Man müsse den
Bahnverantwortlichen zeigen, dass es sich hier um ein Businessmodell
von ein paar Management-Theoretikern handle, das ebenso falsch sei, wie
es der Entscheid für die Bistrowagen war. Dort habe sich auch gezeigt,
wie genug Kundendruck zu einem Übungsabbruch führen kann, so Städler.
Probleme mit Reservationscode
Bis es so weit ist, muss sich, wer sich Ärger und
Zusatzkosten ersparen will, mit der Reservationspflicht anfreunden und
darf sich auch nicht darüber ärgern, dass an manch einem Bahnhof die
Mitarbeitenden das Reservationssystem noch immer nicht im Griff haben.
Bei falscher Eingabe spuckt der Computer nämlich die Meldung
«ausgebucht» aus – auch wenn im ganzen Zug kein einziges Velo mitfährt.
velojournal weiss inzwischen, dass man in einer solchen Situation die
Schalterleute fragen muss, ob sie auch wirklich mit dem Code 32
reserviert haben – nur Code 32 führt zum Veloreservationssystem, wie
velojournal-Leser Noldi Gnädig aus Aarau nach entsprechenden
einschlägigen Erfahrungen und Reklamationen vom SBB-Kundendienst erfuhr.
Die PR-Leute der SBB verbreiten dieweil Zuversicht. Immerhin
1500 Reservationen seien zwischen 1. April und Ende Juni bereits durchs
System gelaufen. Man analysiere die Auswirkungen der Reservationspflicht
zurzeit sehr genau, so Mediensprecher Roland Binz, schliesslich seien
Velofahrende «ein wichtiges Kundensegment der SBB». Also doch. Im
«Eisenbahn-Amateur» hatte ein Leserbriefschreiber schon ganz andere
Visionen: «Ohne Velos läuft die Eisenbahn natürlich einfacher – ohne
Kunden noch einfacher …»