Dr. V. Love

Frage an Dr. V. Love

Als aufmerksame Leserin Ihrer Kolumne haben mich die Sorgen der Männer um ihre Potenz belustigt. Bei allem (unfreiwilligen) Humor in der Berichterstattung zu diesem Thema fühle ich mich als Frau diesbezüglich übergangen. Im Ernst: Gibt es eigentlich auch Untersuchungen zum Thema velofahrende Frauen und Sexualität, oder wird das Thema einmal mehr tabuisiert?
Hannelore G. aus B.

Nun, um es offen zu gestehen, das Thema ist etwas brenzlig. Es geht meiner Meinung nach nicht so sehr um Tabuisierung, sondern um Ratlosigkeit. Ich habe während meiner Laufbahn nicht allzu viele Frauen gesehen, die sich mit dem Thema befasst haben, und unter Männern herrscht ein gewisses Gefühl des Unwohlseins. Es beginnt schon damit, dass es uns Männern schwer fällt, die Position der Frau auf dem Velo nachzuvollziehen. Wie sitzt sie? Wie fühlt sich das an? Alles Fragen, die kaum zu beantworten sind, will man nicht in ein Wespennest stechen und sich mit allen Feministinnen anlegen.
Von den Männern kann also nicht sehr viel erwartet werden. Doch für Frauen ist das Thema auch weniger brennend, denn es geht ja schliesslich nicht um Potenz. Die Forschung auf dem Gebiet männliche Potenz und Velofahren wird vor allem von einer tiefen Angst getrieben. Angst ist immer ein guter Motivator für den Wissenserwerb, ohne Angst fehlt der Antrieb. Eine mögliche Infragestellung der Potenz durch das Velofahren wirkt identitätsbedrohend. Der Forschungsdruck erklärt sich aus einem immensen Legitimierungszwang auf den Velofahrer. Sie mögen es lächerlich finden, dass das Velofahren die tiefsten Schichten der männlichen Identität zu berühren scheint. Mein Rat: Geniessen Sie doch einfach das Velofahren, lassen Sie den Männern die Sorgen und lehnen Sie sich zurück. Die fehlenden Studien beweisen das Fehlen des Problemes. Frauen können ohne Sorgen Velo fahren. Nur die unersättliche phallische Phantasie kann den Menschen Angst vor dem Radfahren machen. Dieser Angst könnte aber begegnet werden, indem die weibliche Komponente des Radfahrens stärker zum Zug kommt. Zum Beispiel müsste die Forschung auf dem Gebiet der Frauensättel ausgedehnt werden, damit sich Frauen auf dem Velo genauso wohl fühlen. Der Diskurs würde auf diese Weise feminisiert, desexualisiert, weicher gemacht. So verschwände die Stigmatisierung und Angst, und ohne Angst ist das Velofahren nur Befreiung.


Es grüsst freundlich, Ihr Dr. V. Love

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