Sport

Ein Mythos wird hundert

Seine Sportzeitung «L’Auto» könne ein bisschen Werbung vertragen, fand vor hundert Jahren Henri Desgrange, und lancierte eine Rad-Landesrundfahrt: Die Tour de France war geboren. Auch im hundertsten Jahr hat die legendäre Rundfahrt nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüsst. Bruno Angeli
Lance Armstrong wirft einen Blick zurück. Die Gesichter seiner Gegner sind schmerzverzerrt, ihre Beine scheinen nur halb so schnell zu drehen wie die des Amerikaners. Sie sind geschlagen: Der Weg ist frei für einen weiteren Tour-Sieg von Armstrong. Millionen Fernsehzuschauer und Zehntausende, die die Strassen säumen, geniessen solche Szenen und wollen dem Sportspektakel beiwohnen. Dazu gehören auch Skandale: Bereits mit der ersten Tour-Austragung 1903 wurde nicht nur über den sportlichen Wettkampf berichtet. Der als Favorit gehandelte Hyppolite Aucouturier hatte sich von einem Auto ziehen lassen, worauf er disqualifiziert wurde. Sieger der ersten Tour-Austragung wurde mit einem bis heute gültigen Rekordvorsprung von

2 Stunden und 49 Minuten Maurice Garin. Bei der zweiten Austragung 1904 wurden gleich vier in Führung liegende Fahrer disqualifiziert. Sie hatten ein Teilstück mit der Eisenbahn zurückgelegt.

Das Gelbe Trikot
Eugène Christophe trug 1919 erstmals das Gelbe Trikot, das bald zum Mythos wurde. Warum ein gelbes Trikot? Darüber gibt es nur Gerüchte. Zufall oder nicht, damals wurde die Zeitung «L’Auto» auf gelbem Papier gedruckt. Doch gegen die Theorie, dass es sich um einen Marketingcoup von Henri Desgrange handelte, spricht die Tatsache, dass es nach dem Ersten Weltkrieg auch an Stoff mangelte und so für die Trikots einige noch vorrätige gelbe Stoffballen zum Zuge kamen. Christophe war zu jener Zeit über dieses Kleidungsstück nicht erfreut. Er befürchtete taktische Nachteile, konnten ihn doch so nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Gegner leichter identifizieren.

Bottechia – war es Mord?
Mitte der Zwanzigerjahre etablierte sich die Rundfahrt zunehmend als Kulturfaktor. Schriftsteller wie Kurt Tucholsky widmeten sich der Rundfahrt, Spielfilme entstanden, und die erste Chronik der Tour de France erschien.
Der Champion von 1924 und 1925, der Italiener Ottavio Bottechia, nutzte seine Popularität, um auf soziale Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Dem engagierten Sozialisten und Antifaschisten wurde dies vielleicht zum Verhängnis. 1927 starb Bottechia unter mysteriösen Umständen. Sein Tod wurde nie mit letzter Sicherheit geklärt. Eine Version besagt, dass er von einem wütenden Weinbauern erschlagen worden sei, als er ein paar Trauben stehlen wollte. Einer Polizeiuntersuchung zufolge soll Bottechia an den Folgen eines Sturzes ums Leben gekommen sein. Der Radsportkenner Walter Lemke schreibt in seiner Fausto-Coppi-Biografie, dass der italienische Sportler «mit grosser Wahrscheinlichkeit von den Faschisten», Gefolgsleuten von Diktator Mussolini, ermordert worden sei.

Werbekolonne und Nationalteams
Um dem Einflussbereich der damals mächtigen Fahrradindustrie zu entfliehen, wurden ab 1930 die Werksmannschaften durch Nationalteams ersetzt. Sie sollten 32 Jahre lang das Bild der Tour prägen. Zudem wurde eine andere lukrative Einnahmequelle angezapft: die bis heute übliche, aber nicht unumstrittene Werbekolonne. Seither fahren Autos und Motorräder vor dem Fahrerfeld her und bringen ihre Werbebotschaften, kleine Geschenke und Müsterchen jeglicher Art, an die Zuschauer am Strassenrand.

Schweizer siegen
Aus Schweizer Sicht waren 1950 und 1951 die erfolgreichsten Tour-Jahre. 1950 stieg zwar die italienische Mannschaft aus dem Rennen aus, trotzdem gewann mit Ferdi Kübler ein würdiger Champion die Austragung. Ein Jahr darauf war es Hugo Koblet: Der Tour-Tross mit dem Schweizer «Pédaleur de Charme» überquerte in jenem Jahr erstmals den berüchtigten Mont Ventoux. Seither gab es für Teilnehmende aus der Schweiz etliche Etappensiege. Einer der schönsten Siege war sicherlich der des «Bergflohs» Beat Breu von 1982. Diese Etappe führte auf einen weiteren mythischen Berg hinauf, auf die Alpe d’Huez.

Laster Doping
Mit Tom Simpson bekam das Wort Doping 1967 plötzlich einen tödlichen Beigeschmack, obwohl bereits 1924 vom «gefährlichen Zeug» wie etwa Kokain, Chloroform und Pillen die Rede war. Heute, nach unzähligen Skandalen, sorgen Dopinglisten, interne Strafsysteme und nationale Gerichte dafür, dass der Gebrauch leistungssteigernder Mittel aus Fairness- und gesundheitlichen Gründen nicht mehr geduldet wird.

Die Amerikaner
Greg LeMond läutete 1989 die Radsport-Moderne ein. Trotz des Vorsprungs des Franzosen Laurent Fignon gewann LeMond, ausgestattet mit Hightech-Material wie Aero-Lenker und Helm, mit dem schnellsten Stundenmittel aller Zeiten von 54,545 km/h die Tour. Am Ende betrug der Vorsprung ganze acht Sekunden. Ein weiterer Rekord, ist dies doch die knappste Entscheidung in der Geschichte der Rundfahrt.
Seine Biografie enthält Stoff, aus dem sich Hollywood-Filme machen lassen: Lance Armstrong. Er ist zurzeit mit vier Gesamtsiegen die unbestrittene Nummer eins in Sachen TdF, und er bezwang sein Krebsleiden. Er gilt auch als der bestbezahlte Radprofi der Sportgeschichte. Der Mythos lebt weiter.


Tour de France 2003: 5. bis 27. Juli
www.tourdefrance.com

Literatur

«Nicht alle Helden tragen Gelb – Die Geschichte der Tour de France.» Von Ralf Schröder und Hubert Dahlkamp, Verlag die Werkstatt, 2003

«100 Jahre Tour de France», Delius Klasing Verlag, 2003

«Tour de France», Auf den Spuren eines Mythos, AS-Verlag, 1999

«Das goldene Buch der Tour de France», Hans Blickensdörfer, Bastei Lübbe, 1997

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