Schwerpunkt

Alle Velofahrer sind Deppen

Fast täglich fahre ich in Zürich Velo; zur Post, zum Einkaufen, zum Kopierladen, in die Bibliothek. Und da sehe ich sie. Die Radler. An schönen Tagen massenweise. Und immer mehr verdichtet sich meine Überzeugung: Die Radler sind Deppen. Eine zyklistische Erregung in neun Anläufen. Dres Balmer
Erstens: Im schicken Zürich, wo nur das Beste gut genug ist, fahren die Radler auf fürchterlichen Velos durch die Gegend, auf zum Teil teuren Ruinen, die sie in kurzer Zeit zu Schanden fahren. Die Velos sind schlecht gepumpt, sie sind dreckig, sie quietschen, sie knacken, Ketten und Reifen mahlen an Schutzblechen, ihr Licht funktioniert nicht. Und erst die Jammergestalten, die drauf sitzen. Sie wissen nicht, wie man schaltet, sie haben die Kette übers Kreuz, vorne ganz links und hinten ganz rechts, sie fahren in zu schweren Gängen, sie sitzen in schlechter Haltung auf ihren Göppeln, die sie durch die Stadt würgen. Das ist eine mobile Form von Wohlstandsverwahrlosung.

Zweitens: Die Wohlstandsverwahrlosung hat auch eine stationäre Form. Man kann sie besichtigen, zum Beispiel an den Bahnhöfen, Haupt oder Stadelhofen. Dort stehen und liegen Hunderte von Velos, abgestellt. Das Juwel der simpelsten und genialsten mechanischen Fortbewegung von Hunderten verwöhnter, übersättigter Velo-Deppen einfach vergessen. Gehen sie so auch mit ihrem Auto um? Überhaupt nicht. Der Wagenpark dieser Stadt ist so gepützelt, weil die Besitzer den – finanziellen – Wert des Autos erkannt haben, nicht aber den zivilisatorischen und kulturellen ihres Velos, das sie vergammeln lassen.

Drittens: Auf den Strassen ginge das Gewürge ja noch. Wenn die Velofahrer ein Hindernis sehen, das sich ihrem Trachten in den Weg stellt, weichen sie aus auf Zebrastreifen und Trottoirs, um dort die Fussgänger, die alten Fraueli, die Blinden, die Väter mit Kinderwägen und die Kinderchen auf Trottinetten und die Brünetten mit Pudeli zu emmerdieren. Es ist ein unhaltbarer Zustand. Dabei beherrschen sie nicht einmal ihr Fahrzeug, an dem die Bremsen kaputt sind und das Schutzblech klappert.

Viertens: Die Herrschaften können nicht Velo fahren. Sie trampen zu schwere Gänge, sie fahren so eng am Trottoirrand, dass sie bei jedem Dolendeckel einen gefährlichen Schwenker gegen die Strassenmitte machen müssen. Sie fahren so, als ob sie sich schämen müssten, auf der Strasse zu sein, dabei gehört ihnen die Strasse genau so wie den Autofahrern, nur haben die Radler kein Standesbewusstsein. Sie fahren zu wenig Velo, um zu merken, dass sie auch jemand sind, zumal dann, wenn sie auf der Strasse in grosser Zahl vorhanden sind. Die Erfahrung zeigt: Selbstbewusste Velofahrer, die ein bisschen rassig zur Sache gehen und ihre Absichten klar kundtun, werden von den Autofahrern ohne weiteres respektiert. Der Spruch von den generell aggressiven Autofahrern ist ein Ammenmärchen, das sich aber in Radlerkreisen hartnäckig hält.

Fünftens: Die Velos gehören auf die Strasse. Wer sich auf der Strasse bewegt, muss sich an die Regeln halten. Es passiert mir jeden Tag, dass ich am Rotlicht anhalte und rechts und links von Ruinen-Deppen überholt werde. Die Ober-Deppen sind in diesem Punkt die Velokuriere, also eigentliche Veloprofis, die ihr Geld mit Radeln verdienen. Im Akkord. Sie brettern bei Rot über die Kreuzung, sie kurven auf Trottoirs und in Fussgängerzonen um verschreckte Fussgänger herum. Das Schlimme ist, dass sie einen gewissen Vorbildcharakter haben. Sie zeigen nicht, wie man es machen soll, sondern wie man es nicht machen soll. Und dieses Rowdytum gilt als geil.

Sechstens: Die Anzahl der Autos, in denen laut Statistik anderthalb Mensch sitzt, kann ich nicht unmittelbar beeinflussen. Ich muss als Velofahrer, oft fluchend, mit dieser Blechsauerei leben, und ich tue es seit dreissig Jahren; bis heute – Madonna del Ghisallo sei Dank – ohne grössere Schäden. Die Verkehrsplaner scheinlösen die Sache so, dass sie mancherorts die Velos von der Strasse in den Fussgängerbereich verlegen. Das ist ein Skandal. Die Behörden sanktionieren die real existierenden schlechten Radlersitten nachträglich durch bauliche Massnahmen, wie das so schön heisst. Alle sitzen im selben Boot, wie es scheint. Die meisten Fussgänger sind auch Autofahrer, und sie sehen ja, wie die armen Radler auf der Strasse leiden und deshalb in den Fussgängerbereich ausweichen. Das tolerieren sie, weil sie ein schlechtes Autofahrergewissen haben, und wenn ein Velodepp bei Rot über die Kreuzung würgt, hupt kein Automobilist mehr, weil er ebenfalls ein schlechtes Gewissen hat und denkt: Huhu, ich bin nur anderthalb Mensch in dieser Karre, in der locker vier oder fünf Platz fänden.

Siebtens: Immer mehr Freunde, die früher mit mir Strassentouren unternahmen, steigen jetzt um aufs Mountainbike. Sie finden, der Autoverkehr sei so schlimm. Und was tun sie? Sie schnallen ihr Mountainbike auf das Dach ihres Autos, fahren ins Grüne und biken (wie ich das Wort hasse!) dann am Busen der Natur hinauf und hinunter. Liebe Freunde, mit Verlaub: Auch ihr seid Deppen.

Achtens: Ich meine es politisch. Die Trottoirwürger und die Mountainbiker haben eines gemeinsam: Sie kapitulieren vor der motorisierten Mobilität, sie überlassen die Strasse den Autos und verdünnisieren sich wie feige Hunde. Aufs Trottoir. An den Busen der Natur.

Neuntens: Es gibt in diesem Land keine Velokultur, es gibt kein velorutionäres Standesbewusstsein, kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Gümmeler grüssen, wenn schon, nur die Gümmeler. Wenn ein Gümmeler einen Mountainbike-Fahrer grüsst, fällt der fast vom Velo, und die solipsistischen Triathleten grüssen nicht einmal die Triathleten, weil sie im anderen Triathleten nur den Konkurrenten sehen, der ihnen am Iron Man in Hawaii den Sieg wegschnappt. Grässlich, grässlich. Deshalb komme ich zum Schluss: Die Velofahrer sind Deppen.
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