Szene

Swiss made hat doch Zukunft

Totgesagte leben länger: Das Schweizer Velo ist nicht gestorben. Im Gegenteil: Die verbliebenen Hersteller können sich dank ihrer Marktnähe derzeit besonders gut profilieren. Gut im Sattel sind aber auch die Marken, die nur auf Swiss Design setzen. Peter Hummel

In Stettbach am Zürcher Stadtrand ist die neue Alpin-Zentrale von Trek-Villiger domiziliert

Da wars nur noch ein kleines Negerlein: Aarios ist als einziger Komplettfabrikant der Schweiz verblieben

Neuer Besitzer, neues Kapital, neue Fabrik, neue Palette – BMC zählt weiterhin zu den Aufsteigern im Schweizer Business

In den letzten fünf Jahren ist der Veloproduktionsstandort Schweiz gehörig unter die Räder geraten: Praktisch im Jahresrhythmus haben die Marken Condor, Titan, Tigra und Cilo die Produktion eingestellt oder sind ganz verschwunden. Seit der letztjährigen 2-Rad-Messe gibt es zwar Versuche, Cilo als Rennradmarke wieder zu beleben, doch die Investoren blieben dubios. Leibhaftig auferstanden ist zwar unter Villiger-Flagge Tigra, allerdings als Fernost-Produkt. Die Villiger-Produktion selbst ist nach Deutschland ausgelagert und das Unternehmen als Ganzes an Trek verkauft worden. Die moderne Fabrik in Buttisholz wird bald so leer sein wie die Werke in Balsthal, Courfaivre und Romanel. Viele Schweizer Kunden fragen sich da etwas ratlos: Gibt es überhaupt noch Schweizer Velos? Und wenn ja: Was ist daran noch speziell, angesichts des längst globalisierten Velomarktes?
Vorweg: Es gibt noch Schweizer Hersteller, und im Schatten der Verkaufseinbrüche im Ausland und der Schliessungen im Inland erfreuen sie sich – hinter vorgehaltener Hand – meist einer blendenden Verfassung. Vorerst muss freilich definiert werden, was unter einem Schweizer Velo überhaupt zu verstehen ist. Früher galt dieses Prädikat, wenn die (Stahl-)Rahmen in der Schweiz gelötet wurden; nach der fast kompletten Ablösung durch Alurahmen werden sie heute hier wenigstens teilweise noch lackiert. Was heute vor allem zählt, ist die Montage.
Die drei bedeutendsten Schweizer Marken sind gegenwärtig BMC, Cresta und Tour de Suisse, die letztes Jahr alle 9000 bis 10 000 Velos abgesetzt haben. Bei BMC wurde freilich nur rund die Hälfte davon, nämlich die hochwertigen, in der Schweiz montiert; heuer sollen es aber etwa 2000 Velos zusätzlich sein. Ende letzten Jahres hat Andy Rihs BMC übernommen und will dank Racing-Team und der neuen Rennvelo-Palette (die bereits 15 Prozent zum Umsatz beiträgt) und weiterer Investitionsspritzen expandieren. Für 2003 ist ein Absatz von 13 000 Velos geplant.
Hinter den drei grössten Unternehmen folgt eine Gruppe von vier Firmen, die alle etwa 3000 bis 4000 Velos verkaufen, wenn auch mit ganz unterschiedlichem Marketing: Mondia kann offenbar immer noch auf einen kleinen Stamm treuer Händler zählen, Interbike hat als wichtigste Absatzkanäle den Fabrikladen in Buchrain sowie Händler- und Fremdmarken-Aufträge, Aarios vermochte sich als letzter Kompletthersteller und mit A-la-carte-Fertigung zu profilieren, eine Nische, in die vor vier Jahren auch der Komponentenanbieter Good Price eingestiegen ist und mit aggressiven Preisen – nomen est omen – einige Anbieter das Fürchten gelehrt hat. Dahinter folgt die vor zwei Jahren wiederbelebte Traditionsmarke Kristall mit 2000 Stadt- und Trekkingrädern.

Erwartete Stückzahlen 2003

Trek, Dübendorf 27 000
Gary Fisher / Klein / Trek 14 000
Arrow / Tigra / Villiger 13 000
Intercycle, Sursee* 20 000
Wheeler / Bixs / Colnago / Diamond Back /
Mustang
Komenda, St.Gallen
20 000
Cresta / Giant
SSG, Givisiez
20 000
Scott
Tour de Suisse, Kreuzlingen
14 000
TDS / Stevens / Chariot
BMC, Grenchen
13 000
Canyon, Biel 10 000
Belimport, Lugano 9000
Merida / Centurion / De Rosa
Specialized, Holland
8000
Baltensperger, Otelfingen 7000
BC / Kristall
Velobaze / CTC, Schlieren
6000
Baze / EST / MTB Cycletech / GT
Swissbike, Beckenried
5000
Focus / Univega
Chris Sports System, Tagelswangen
4000
Kona / Rocky Mountain
KTM, Österreich
4000
Price, Uster 4000


In den Zahlen sind auch Kindervelos enthalten.

* Die früher auf Intercycle und Cosmosport verteilten Bike-Marken werden neu alle unter Intercycle geführt.

Noch immer 15 Prozent Swiss made
Eine Schrumpfung musste in den letzten Jahren die Nordwestschweizer Marke Bonanza hinnehmen, doch sie kann in ihrem Stammgebiet immer noch gegen 1000 Trekking- und Moutainbikes «nach Mass» absetzen. Bonanza arbeitet auch mit den beiden neueren Designerlabels Baze und Est, die allerdings in einem Fremdbetrieb montiert werden.
In dieser Boutique-Liga spielen auch Koba und der Rocky-Mountain-Importeur CSS mit, die 800 respektive 500 Edelmounties «assemblen». Ebenfalls auf ein halbes Tausend Räder bringen es zwei Anbieter mit alternativen Vertriebsformen: simpel.ch versteht sich als einzige Internet-Marke mit Fachservice, dank eigener Montage beim Spediteur kann sie schneller liefern als viele eingesessene Firmen. Titan, die einstige Nummer fünf unter den Schweizer Herstellern, produziert offenbar im selben Montagebetrieb (der an Mondia abgetreten wurde) immer noch Sporträder, die aber wie die Importmarke Fuji per Fabrikverkauf veräussert werden. Ein Unikum und absehbares Auslaufmodell sind die noch knapp 300 Silux-Velos, die mitten in Zürich montiert werden; die Gebrüder Sidler sind nämlich bereits im Rentenalter. Schliesslich wären noch einige Spezialisten wie Stahl-Guru Röbi Stolz in Zürich oder die Alltagsrad-Instanz Velociped in Kriens zu erwähnen, die es bis auf 200 Bikes bringen.
Der Überblick über die Schweizer Produzenten wäre nicht vollständig ohne die beiden E-Bike-Marken Dolphin und Flyer, die auch im Inland zusammengebaut werden. Biketec verspürt dank dem neuen C-Flyer starken Aufwind und rechnet damit, dieses Jahr den Break-even-Point zu erreichen.
Total dürften etwa noch 44 000 Velos in der Schweiz montiert werden – das sind gerade mal gut 15 Prozent der im letzten Jahr in der Schweiz verkauften Neuvelos, oder so viel wie fast jede der grossen Firmen Cilo, Gretener, Mondia und Villiger zu den besten Zeiten alleine produzierte. Die verbliebenen Schweizer Hersteller führen alle ein handfestes Argument für den Werkplatz Schweiz an: grösstmögliche Marktnähe mit Just-in-time- und Custom-made-Produktion.

Auch Swiss Design soll gelten
Nun gibt es freilich eine zweite Kategorie von Schweizer Marken, die ein «Swiss made» für sich in Anspruch nehmen – nämlich diejenigen, die hierzulande designt und spezifiziert, aber im Ausland produziert werden; diese Hersteller machen geltend, dass damit längst keine Qualitätsnachteile mehr verbunden seien. Allen voran Pionier MTB Cycletech sowie das meistverkaufte Schweizer Bike Scott USA, dessen Product-Management – dem Namen zum Trotz – im freiburgischen Givisiez sitzt. Dazu eine Hand voll weiterer Marken: Canyon, 1991 von der Bärtschi AG in Biel lanciert, und BC, vor zehn Jahren von Baltensperger in Otelfingen aus der Taufe gehoben. Dazu Bixs von Intercycle in Sursee, Stöckli von der gleichnamigen Skifabrik und Univega von Swissbike in Beckenried. Dieser Gruppe sind neu auch die Villiger-Marken zuzuordnen, deren Product- und Marketing-Management in der neuen Trek-Zentrale in Dübendorf angesiedelt ist. Nachdem mit dem bisherigen Logistik-Partner noch eine Lösung gefunden wurde, können nun übrigens doch fast alle der ehemaligen Mitarbeiter aus Buttisholz weiterbeschäftigt werden.

 

Fahrradmarkt Schweiz 2002

h+h. Der VFGI hat die Marktzahlen-Statistik auf eine neue Basis gestellt. Grundlage sind die effektiven Zahlen der VFGI-Mitglieder sowie Meldungen und Einschätzungen der Nichtmitglieder und Grossverteiler; zur Kontrolle wurde die Inlandanlieferung mit der Zollstatistik verglichen (Inlandproduktion plus Import minus Export).
Die Zahlen zeigen, dass 56 Prozent der Velos im sportiven Bereich abgesetzt wurden. Freude wird der Fachhandel daran haben, dass immer noch fast drei Viertel der Verkäufe über seine Kanäle ausgewiesen werden und den Grossflächenanbietern fast nur das Günstigsegment bleibt.

Sportvelos ohne Ausrüstung
MTB 26'' 120 000
Cross 28'' 16 000
Rennvelo 11 000
Total ohne Ausrüstung 147 000

Freizeit-/Alltagsvelos mit Ausrüstung
City 26 – 28'' 68 000
Junior 20 – 24'' 48 000
Total mit Ausrüstung 116 000

Total 263 000

Anteil Fachhandel 193 000 = 73 Prozent
Anteil Grossverteiler 70 000 = 27 Prozent

Fahrradbestand Schweiz 2002: ca. 3,8 Mio.

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