Test

Fliegengewichte: Leichtigkeit erfahren

Wer zum ersten Mal auf einem zehn Kilo leichten Velo sitzt, kann sich auf ein biomechanisches Aha-Erlebnis gefasst machen: So leicht kann man sich aus eigener Kraft fortbewegen. Fast fährt ein solches Velo von alleine – und flink wie ein Wiesel. Marius Graber

Ein völlig neues Fahrgefühl – leicht wie eine Feder

Die als Arbeitsgeräte für Velokuriere oder als so genannte Fitnessbikes erdachten Leichträder wurden schnell auch von einer grossen Zahl Velofahrenden als Stadt- und Arbeitswegflitzer entdeckt. Während für Schönwetterfahrer und sportliche Abendausfahrten die spartanisch unausgerüsteten Velos genügen, lassen sie sich auch zu leichten Tourenvelos, schnellen Alltagsflitzern oder Langstreckenarbeitsvelos erweitern. Ganz nach Gusto kann das Velo zum individuellen Mobilitäts-Tool getrimmt werden: Batterielichter oder Nabendynamos für Nachtschwärmer, Gepäckträger für alle, die lieber ohne Rucksack fahren, fest montierte oder Steckschutzbleche für Regenfahrten. Doch leider schenken die Konstrukteure diesem Zubehör wenig Beachtung, obwohl sie sich der häufigen Verwendung eigentlich bewusst sein müssten. Schade, dass an solch schönen Velos Dynamos oft nur mit Briden montiert werden können, Lichtkabel mit Kabelbinder am Rahmen geführt, Ständer mit schrecklichen Halteplatten angebracht werden müssen: es schmerzen die vermieste Optik und all das unnötige Gewicht.

So sportlich ihr Wesen, so wenig kann von diesen Konzepten Komfort erwartet werden: Aus Gewichtsgründen wird überall auf eine Federung verzichtet. Die leichten, dünnen Pneus erfordern einen hohen Luftdruck und leiten jede Unebenheit direkt an den Piloten weiter. Die leichten Konstruktionen kommen zudem bei hohen Fahrergewichten und Gepäckzuladung an ihre Grenzen. Wer viel Gewicht rumfugt, ist mit einem etwas schwerer gebauten Velo meist besser bedient.
Optisch werden einige der getesteten Velos durch wunderschöne Laufräder aufgemöbelt. Die so genannten Systemlaufräder (Naben, Felgen und Speichen sind aufeinander abgestimmt) haben jedoch ausser der spektakulären Erscheinung kaum Vorteile. Konventionelle Räder, aus leichten Einzelteilen gebaut, haben punkto Gewicht meist und in der Kombiwertung Gewicht/Stabilität/ Zentrierbarkeit noch immer die Nase vorn. Die geringe Speichenzahl der Systemlaufräder bringt keine Vorteile, da dadurch zwangsläufig die Felge stärker dimensioniert werden muss. Zudem riskieren Systemlaufräder, zum Wegwerfartikel zu werden, wenn die Importeure die Ersatzteile nicht an Lager legen. Eine durchgebremste Felge oder ein defekter Freilauf, zwei häufige und eigentlich reparierbare Defekte, bedeuten schnell einmal das Todesurteil des Rades. Die renommierten Hersteller Mavic und Shimano sind bereits gut assortiert, hoffen wir, dass die andern nachziehen werden.

Abspecken, Diät halten, turnen
Ein durchschnittliches Alltags- respektive Trekkingvelo wiegt heutzutage ungefähr 16 kg (inklusive Schutzbleche, Licht und so weiter). Cresta präsentierte im Februar ein 9,8 kg leichtes Stadtvelo mit allem Drum und Dran, das auf die nächste Saison hin serienmässig produziert werden soll. Das leichteste Velo der Welt (mit den vollen Funktionen: Gänge, zwei Bremsen und so weiter) bringt lediglich unglaubliche 4,166 kg auf die Waage. Das Spektrum ist gross, doch Gewicht steht beim Velo immer im Kontext mit Funktion und Geld. Ein leichteres Velo hat meist weniger Funktionen (zum Beispiel keine Federung oder kein Licht), oder aber einen höheren Preis – oder beides.
Natürlich kann man sich fragen, weshalb gegen viel Geld oder Komfort am Velo ein paar Gramm gespart werden sollen, wenn der Fahrer selber von seinem Sommerbadi-Wunschgewicht noch einige Kilo entfernt ist und die Kondition nach einem faulen Winter mit ein paar regelmässigen Umwegen aufgemöbelt werden könnte. Doch: Der «Motor» auf dem Velo hat eine begrenzte Leistung, da fallen ein, zwei Kilo spürbar ins Gewicht. Wer einmal ein leichtes Velo gefahren hat, weiss, wie gut der Gewichtsvorteil wahrnehmbar ist. JedeR VelofahrerIn kann für sich den richtigen Punkt im Spannungsfeld von Gewicht–Funktion–Geld selber bestimmen. Wo der liegt, ist schlussendlich eine sehr individuelle Sache.

Für sicheres Bremsen lohnt sich das Mehrgewicht einer Scheibenbremse

Das Systemlaufrad ist eine Augenweide, bringt technisch aber kaum Vorteile


So gehen die Pfunde runter
Hier ein paar Tipps für alle, die ihr Velo etwas leichter haben möchten:

  • Weglassen: Am günstigsten spart man Gewicht, indem man Unnötiges weglässt. Ein Stadtvelo braucht zum Beispiel keinen Bidonhalter und keinen Sattelschnellspanner. Ein sicheres Schloss ist jedoch sein Gewicht unbedingt wert.
  • Laufräder: Da sie rotieren, macht sich eine Abmagerungskur hier besonders positiv bemerkbar. Leichtere Reifen (sind nicht zwingend pannenanfälliger) und leichte Schläuche (müssen öfter nachgepumpt werden) bringen viel. Ein leichtes Rad mit besonders leichten Naben, Felgen, Speichen und Alu-Nippeln spart am Velo schnell mal ein ganzes Kilo.
  • Sattel: Hier gibt es Gewichtsunterschiede von über einem halben Kilo. Und das Schönste: Ein leichter Sattel muss nicht unbedingt unbequem sein – ist aber leider meist teurer.
  • Lenkervorbau/Lenker/Sattelstütze: Gegen Geld sind sehr stabile und um einiges leichtere Produkte zu kaufen. Aber Achtung: Nirgends hat ein Bruch so fatale Folgen wie an diesen Teilen, es lohnt sich, auf bewährte, getestete Produkte (wie Syntace, Ritchey usw.) zu setzen.
  • Jede Schraube zählt: Leichtbau heisst schlussendlich, an hundert Orten je zwei Gramm einzusparen. Der Fantasie und Kreativität sind nur funktionelle Grenzen gesetzt: hier das Felgenband durch Tesa-Film ersetzen, da eine Stahlschraube mit einer aus Titan, Alu oder Nylon tauschen. Aber Vorsicht: Wer hier ansetzt, sollte genau wissen, was er oder sie tut, und die Belastungen am Velo gut kennen.
  • Wunderwerkstoff Carbon: Zurzeit wird der Velomarkt von Carbonteilen überschwemmt. Doch nicht jedes Produkt ist auch wirklich leicht, nicht jedes robust genug. Gute Carbonteile sind nur sehr aufwändig herzustellen und können daher nicht billig sein. Was aber nicht heisst, dass alle teuren Teile gut und leicht sind. Zudem bedürfen Carbonteile, wie alle anderen Leichtbauteile, einer besonders vorsichtigen Behandlung (Drehmomentschlüssel, regelmässige Kontrolle, frühzeitiges Auswechseln) und sind deshalb nichts für AnfängerInnen.


Links:
www.smolik-velotech.de
www.ax-lightness.de
www.tune.de
www.lightbike.de
weightweenies.starbike.com


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