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Villiger-Deal: Nicht ohne Opfer

Trek übernimmt Villiger, doch die Fusion ist nicht schmerzlos: Buttisholz wird liquidiert, über die Hälfte der Belegschaft wird arbeitslos, und in Hartmannsdorf steht eine Restrukturierung noch an. In Zürich werden die Managementfunktionen für die Villiger-Marken neu gebündelt. Peter Hummel
Bei der Ankündigung von Villigers Produktionsverlagerung aus Buttisholz ins sächsische Werk zu Villiger Diamant Bike vor Jahresfrist wurde dieser Schritt noch mit der Schaffung eines «starken europäischen Produktionscenters» begründet, das die längerfristige Unabhängigkeit sicherstellen sollte. Doch bereits als die letzten Löter im Frühling Buttisholz verliessen, war ein anderes Schicksal vorgezeichnet: Der Inhaber Heinrich Villiger folgte den Ratschlägen seiner Finanzexperten, die schon längst zum Verkauf und zur Konzentration auf das Kerngeschäft Tabak geraten hatten. Als redlicher Patron war Heinrich Villiger aber nicht einfach auf höchsten Erlös erpicht, wie er velojournal mehrfach versicherte, sondern trachtete danach, die ganze Belegschaft, die beiden Standorte sowie möglichst alle Marken erhalten zu können (siehe auch vj 6/02). Trek erschien dem Alleininhaber als idealer Käufer: Es handelt sich um einen der ganz grossen und auch potenten Global Players, als Familienunternehmen verkörpert er gleichwohl eine ähnliche Unternehmenskultur; deswegen wurde über den Verkaufspreis auch Stillschweigen vereinbart.


Amerikanischer Merger-Speed
Mindestens für Buttisholz gehen die hehren Absichten des Patrons nun aber keineswegs in Erfüllung: Nach der Handänderung Ende Dezember wird der Standort Buttisholz aus Kostengründen rasch aufgelöst (wie von «velojournal» prophezeit). Vertragsgemäss wurden zwar die Arbeitsverhältnisse der verbliebenen 32 Mitarbeiter der Villiger Söhne AG von der Trek Fahrrad GmbH übernommen. Die Fusionslogik bringt es mit sich, dass nicht mehr alle Stellen besetzt werden können: schliesslich nur noch ein Dutzend Kader-, Innen- und Aussendienstleute. Trek verbleibt die unschöne Aufgabe, auf Ende April 15 Beschäftigte kündigen zu müssen, vorwiegend Monteure (auch die Endmontage für Tigra und das Finishing für Arrow wird nämlich künftig in Deutschland erfolgen).
Frappant ist das angeschlagene Tempo: Mitte Januar wurden bereits die beiden Administrationen in den neuen Trek-Sitz nach Dübendorf verlegt; im März erfolgen die letzten Montagen in Buttisholz und spätestens Anfang April soll auch das Lager geräumt sein. Diese rasante Verschmelzung ist für den Schweizer Trek/Villiger-Statthalter Tom Brown essenziell: «Viele Akquisitionen gingen schief, weil sie nicht rasch genug vollzogen wurden.»

Facts & Figures

ph. Die Fahrradsparte von Villiger bestand aus den Firmen Villiger Söhne AG in Buttisholz und den Diamant Fahrradwerken GmbH (Produktion) plus der Villliger Diamant Bike GmbH (Vertrieb) in Hartmannsdorf. Der Standort Buttisholz ergab sich 1980 durch den Kauf der Firma Kalt. Zuletzt arbeiteten in der nach einem Brand neu aufgebauten Fabrik nur noch gut 30 MitarbeiterInnen, gerade noch ein Viertel des Höchstbestandes in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre.
Vor zehn Jahren hatte die Villiger Holding mit Sitz in Waldshut-Tiengen die Diamant Fahrradwerke in Chemnitz übernommen, und vor gerade fünf Jahren wurde die neue Fabrik im Vorort Hartmannsdorf in Betrieb genommen; sie ist auf eine Kapazität von über 100’000 Fahrrädern ausgelegt, stösst derzeit aber mit einem Bestand von 110 Mitarbeitern nur noch etwa die Hälfte davon aus.
Bei Trek sind die Dimensionen um etwa den Faktor zehn grösser: Die 1976 im US-Bundesstaat Wisconsin gegründete Firma verkauft mit einer Belegschaft von 1500 Angestellten weltweit rund eine Million Bikes, in Europa gegen 150’000. Die europäische Zentrale steht in Holland und umfasst mehrere Tochtergesellschaften, darunter die Trek Fahrrad GmbH als Schweizer Niederlassung.

Tom Brown, Geschäftsführer Trek-Villiger.

Wieso war Buttisholz kein Thema?
Branchenkenner wundern sich freilich über die komplette Liquidierung von Buttisholz. Zwar war die Integrierung des Werkes in den Verkauf offenbar nie ein Thema – «way too big», liessen die Amerikaner verlauten. Zudem sollte ein örtlicher Wechsel den Neubeginn unterstreichen. Gleichwohl ist es verwunderlich, dass die Villiger Söhne AG der neuen Niederlassung, die ohnehin gezwungen war, grössere Räumlichkeiten zu mieten, nicht wenigstens ein günstiges Angebot machte, statt die Fabrik womöglich jahrelang leer stehen lassen zu müssen. Heinrich Villigers Erklärung: «Nachdem Trek den Standort Buttisholz fallen lassen wollte, mussten wir davon ausgehen, dass auch eine Vermietung nicht in Frage kommt.» Wenn nicht für die gesamte Organisation, so wäre Buttisholz mindestens als neues Schweizer Zentrallager prädestiniert gewesen (das nun beim Logistikpartner in Basel eingerichtet wird). Jedenfalls besteht keinerlei Hoffnung auf eine zweckgemässe Weiterverwendung des modernen, vor einem Jahrzehnt nach einem Brand erst neu aufgebauten Werks bereits in Balsthal (Jeker, Haefeli) und Romanel (Cilo) liegen grosse Velofabriken brach.

Zürich wird zur neuen Zentrale
Immerhin erfährt Trek Schweiz ein markantes «Upgrade». In Zürich soll ein eigentliches «Management Center» für den deutschsprachigen Raum errichtet werden und neben den übernommenen (Mark Faude/Product Managment, Jürgen Gopper/Verkauf) sollen auch neue Kaderstellen in Marketing und Engineering geschaffen werden. Ein neuer Marketingleiter für alle Villiger-Labels, ein zweiter Product Manager, ein Ingenieur und ein Designer. Tom Brown: «Trek hat Villiger gekauft, um Geld zu verdienen, und wird entsprechend in den Ausbau der drei Marken investieren.» Erklärte Absicht ist es, das nach wie vor treue Händlernetz für die Marken Villiger, Arrow und Tigra selbständig weiterlaufen zu lassen. Deren Schweizer Absatz dürfte dieses Jahr 15’000 Velos erreichen, Trek folgt mit 14’000 Bikes der drei Marken Gary Fisher, Klein und Trek unmittelbar dahinter, womit die fusionierte Firma zum neuen Marktleader aufsteigt (wie Villiger zu den besten Zeiten).

Zäsur in Deutschland steht noch an
In der neuen Zürcher Niederlassung wird auch das Büro von Harald Schmiedel sein, der zwar als Geschäftsführer in Buttisholz überflüssig geworden ist, für die Villiger Diamant Bike GmbH in Hartmannsdorf aber als neuer Verkaufs- und Marketingdirektor eingesetzt wird und damit de facto zum dortigen Geschäftsführer avanciert. Die bisherige Position von Hugo Blech als Gesamtleiter wird nämlich nicht mehr besetzt. Neu unterstehen die Diamant Fahrradwerke GmbH Treks Vice President Tim Callahan, der auch für die andern drei Werke in den USA und Irland zuständig ist; ein operationeller Betriebsleiter wird noch gesucht. Trek hat klar signalisiert, dass die Produktion in Sachsen weitergeführt, wenn möglich gar ausgebaut werden soll, aber auch, dass hier eine grössere Restrukturierung, sprich Personalabbau, erst noch anstehe.

 

Kommentar

Wie gut die Wahl war, muss sich erst noch weisen. Trek zählt in den USA zu den Marktführern und gilt als wichtigste Fachhandelsmarke. Einen besonderen Status geniesst sie dadurch, dass sie die Toplinien immer noch in den Staaten produziert. Im Gegensatz zu vielen grossen (europäischen) Marken schreibt sie ordentliche Gewinne – die Voraussetzung, um überhaupt auf Brautschau zu gehen. In Europa indes hatte Trek in der Tat Probleme: Tour-de- France-Seriensieger Lance Armstrong polierte zwar das Image als Rennrad-Anbieter auf, doch bei den Alltagsrädern konnte die riesige Publicity kaum umgemünzt werden. Das soll sich dank den beiden «german made»-Labels gründlich ändern. Mit Villiger wird vor allem die fehlende Kompetenz im wichtigsten Markt der City- und Trekkingräder erkauft. Insofern müsste Trek an den Neuakquisitionen sicherlich ein echtes industrielles und nicht einfach nur Markeninteresse haben – wie das bei den andern beiden Kaufinteressenten Accell und CycleEurope wohl der Fall gewesen wäre. Ob das ganze Villiger/Diamant-Markenportefeuille für längere Zeit Bestand haben kann, erscheint angesichts der schwierigen Marktsituation freilich schon fraglicher. Auch muss sich erst weisen, was aus der Produktion Hartmannsdorf unter dem neuen US-Regime gemacht wird; das Aufeinanderprallen der grundverschiedenen «Ossi»- und «Ami»-Mentalität könnte jedenfalls härter sein, als sich Trek das wohl vorgestellt hat. Der abrupte, unkommentierte Abgang von Verkaufsleiter Uwe Reinkemeyer-Lay, schlechterdings «Mr. Diamant», deutet jedenfalls bereits darauf hin, dass es über die künftige Bedeutung von Hartmannsdorf und die Strategie für die Villiger-Labels gravierende Meinungsverschiedenheiten gegeben haben dürfte.

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