
Die
neusten Ergebnisse des Mikrozensus 2000 belegen, dass 47 Prozent aller
Wegetappen und acht Prozent aller Wegdistanzen zu Fuss oder mit dem
Velo zurückgelegt werden. Gemäss Leitbild können diese beeindruckenden
Werte in den kommenden zehn Jahren um weitere 15 Prozent erhöht werden,
da das Potenzial des Langsamverkehrs (LV) noch bei weitem nicht
ausgeschöpft sei. Die Rede ist auch von einem «neuen
verkehrspolitischen Verständnis», dank dem sich der Langsamverkehr
«neben dem öffentlichen Verkehr und dem motorisierten Individualverkehr
zum gleichberechtigten dritten Pfeiler einer nachhaltigen
Verkehrspolitik» entwickeln wird. Diese ehrgeizigen Ziele will der Bund
zusammen mit den Kantonen und Gemeinden in einem mehrjährigen
Anschubprogramm angehen. Daran anschliessend sollen auch
Treibstoffzoll-Gelder zur Förderung des LV eingesetzt werden.
Dass
sich die Strassenbauer aus Bern nun so engagiert für den Langsamverkehr
einsetzen, geschieht nicht nur aus umweltpolitischer Überzeugung.
Vielmehr stellt das Leitbild die «Sorge um die wachsenden
Verkehrsprobleme» vornan. Da im Langsamverkehr «ein grosses
Entlastungspotenzial» entdeckt worden ist, soll dieses nun «optimal
ausgeschöpft» werden, indem «attraktive und sichere Rahmenbedingungen
für das Wandern und das Velofahren in der Freizeit geschaffen werden».
Nicht zuletzt biete dieses Vorgehen auch wirtschaftliche Vorteile. Im
Detail führt das Leitbild die folgenden Massnahmen auf, die gefördert
werden sollen:
Bemühungen anerkannt
Grundsätzlich
ist es sehr begrüssenswert, dass mit dem Leitbild Langsamverkehr die
Bedeutung des LV für energie- und umweltpolitische Ziele erkannt und
ein umfassendes Rahmenwerk für die Förderung des Langsamverkehrs
vorgelegt wird. Damit werden auch die jahrelangen Bemühungen der
zahlreichen Fachorganisationen und -personen um eine Besserstellung des
Velo- und Fussverkehrs belohnt. Mit den in Aussicht gestellten
finanziellen Mitteln und der deklarierten Absicht des Bundes, auf
rechtlicher und administrativer Ebene aktiv zu werden, erhält die
Fussgänger- und Velopolitik der Schweiz einen neuen Schub.
Für
verschiedene, seit langem bestehende Forderungen öffnen sich damit neue
Lösungsmöglichkeiten, wozu auch die Metron-Tagung «Agglomeration
Verkehr» im November 2002 in Aarau Anregungen lieferte. So muss etwa
die Gestaltung von Plätzen und Aussenräumen viel stärker aus der
Fussgängerperspektive angegangen werden. Attraktive Parterre-Nutzungen
für die FussgängerInnen sollte zu einem Schwerpunkt der
stadtplanerischen Konzepte werden. Das wären auch Gegenmassnahmen zur
anhaltenden «Zurückdrängung der FussgängerInnen auf immer kleinere
Inseln und enger begrenzte Wege», welche von der Historikerin Barbara
Schmucki des «Railway Institute of York» beklagt wurde. Die nun
vorliegende höchstinstanzliche Anerkennung, dass eben «auch Fussverkehr
Verkehr ist», wie Thomas Schweizer von Fussverkehr Schweiz unterstrich,
kann dazu beitragen, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Die dazu
notwendigen handfesten Argumente – «der Fussverkehr ist die erste Meile
des öV» – und überzeugende Zahlen (28 Prozent aller Wege in der Stadt
erfolgen zu Fuss) – stehen jedenfalls zur Verfügung.
Fehlende Gesamtsicht
Was
dem Leitbild aber fehlt, ist eine Gesamtsicht der Verkehrsproblematik.
Mit der vorgeschlagenen Teilstrategie läuft das Leitbild Gefahr,
letztlich zu einer Verkehrssteigerung beizutragen. Die einseitige
Ausrichtung auf Förderungsmassnahmen vergrössert zuerst einmal die
Kapazität des Gesamtverkehrssystems. Da flankierende Massnahmen fehlen,
wird der Motorfahrzeugverkehr kaum abnehmen. Im Gegenteil: Die
Sanierung von Unfallschwerpunkten und die Optimierung der Veloverkehrs-
und Wanderwege führt oft dazu, dass zusätzliche Velowege, zum Beispiel
entlang von Hauptstrassen, gebaut werden. Dies ist ein «Rückfall in die
klassische Ausbauplanung der Verkehrswege», wie dies Felix Walter,
Koordinator des Forschungsprogramms «Stadt und Verkehr» auch der neuen
Agglomerationspolitik des Bundes vorwirft.
Eine Gesamtsicht der
Verkehrsproblematik würde zu einer realistischeren Einschätzung der
Chancen und Möglichkeiten des Langsamverkehrs beitragen. Entgegen den
im Leitbild geäusserten Hoffnungen untergräbt die räumliche Entwicklung
der Schweiz das Potenzial des Langsamverkehrs fortlaufend. Die
Zersiedelung der Landschaft schreitet ungebremst voran. Daraus ergibt
sich eine «städtebauliche Entdichtung und Entmischung», wie Markus
Hesse von der Freien Universität Berlin ausführte, was zu längeren
Wegen führt, die nicht mehr mit dem LV bewältigt werden können.
Anstelle der voranschreitenden «Sub- und Desurbanisierung» braucht es
gemäss den Planern Andreas Schneider und Christoph von Fischer ein
«abgestimmtes Siedlungs- und Verkehrskonzept», das in Richtung der von
Markus Hesse geforderten Re-Urbanisierung führen würde. Auf den Punkt
gebracht wurden diese Forderungen vom Architekten Erich Niklaus:
«Umweltschonende Mobilität beginnt beim städtebaulichen Konzept.»
Fazit
Ohne
eine ganzheitliche Betrachtung der Siedlungs- und Verkehrsproblematik
und ohne flankierende Massnahmen werden die Auswirkungen des Leitbilds
bescheiden bleiben. Die mit dem Leitbild verfolgte Absicht, niemandem
auf die Füsse zu treten, mag parteipolitisch richtig sein, aus umwelt-
und energiepolitischer Sicht jedoch kommt man so kaum weiter,
insbesondere wenn gleichzeitig auf anderen Bühnen über
Milliardeninvestitionen in den (National-)Strassenbau debattiert wird.
Und trotzdem verdient das «Leitbild Langsamverkehr» Zustimmung und
Unterstützung, ist es doch ein erster Schritt in die richtige Richtung
und ein Paket, das ergänzt und verbessert werden kann.
Die Vernehmlassungsunterlagen und die dem Leitbild zugrunde liegenden Expertenberichte (sieben Teilberichte, die nicht mit der Bundesmeinung übereinstimmen müssen) können beim Bundesamt für Strassen, Stradok, 3003 Bern, Turn on JavaScript! bestellt oder unter www.langsamverkehr.ch im Internet abgerufen werden.