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Alltagsvelos – Jahrgang 03

velojournal hat sich bei den Alltagsvelos den Jahrgang 2003 angeschaut. Wir zeigen, was von den diesjährigen Modellen erwartet werden darf, und versuchen anhand einiger bemerkenswerter Modelle zu ergründen, wohin der Trend geht. Marius Graber

 

Die Erkenntnis vorweg: Auch bei den Alltagsvelos dreht sich die Welt – zwar langsam, aber sie dreht. Augenfällig ist der Trend zu einerseits technisch hoch entwickelten Modellen mit Scheibenbremsen, Federung oder gar Elektronik. Andererseits gibts nun einen deutlich erkennbaren Trend zu leichten, simplen und minimierten Velos, sowohl was Optik als auch Gewicht betrifft. Das Spektrum wird immer breiter: Es tauchen am einen Ende serienmässig ausgestattete Single-Speed-Velos auf (mit nur einem Gang), und am anderen Ende geht Shimano den Weg zur elektrischen Steuerung von Schaltung und Federung unverdrossen weiter.
Fahrkomfort ist weiterhin Thema: Vollgefederte Stadt- und Tourenvelos sind etwas spärlicher, dafür meist mit guten bis sehr guten Lösungen auf dem Markt vertreten. Riese und Müller wurde von der Gesellschaft «Gesunder Rücken» ausgezeichnet, was sonst nur besonders guten Bürostühlen vorbehalten war. Doch auch die Kombination gefederte Sattelstütze/Federgabel behauptet ihren festen Platz, und mit der Wiedereinführung der Ballonreifen (Schwalbes «Big Apple») scheint sich eine Low-tech-Komfortlösung zu etablieren.

Arbeit an der Substanz
Die meisten Velos definierten sich in den letzten 10 bis 15 Jahren vor allem über die verwendeten Schaltkomponenten des Branchenführers Shimano. Nun erhalten Rahmen, Zubehör und Details wieder mehr Aufmerksamkeit, und das ist gut so: Eine gute Schaltung in Ehren, aber was nützt sie, wenn einem die Einkäufe immer vom unpraktischen Gepäckträger fallen? Der Vergleich zwischen dem Univega Geo30 und dem Tour de Suisse Speed Drive verdeutlicht dies. Beide Velos sind abgesehen vom Bremssystem im Grunde gleich ausgerüstet, das Tour de Suisse glänzt neben den Scheibenbremsen mit einem edlen, schön verarbeiteten Rahmen, einer Vielzahl an wählbaren Optionen (Farbe, Lenker, Ausstattung etc.) und einem geringen Gesamtgewicht, das Univega brilliert mit seinem erstaunlich günstigen Preis (vgl. Tabelle).

Individuelle Velos aus Schweizer Produktion
Nach der Flurbereinigung der letzten Jahre blieben etwas mehr als eine Hand voll Schweizer Velohersteller übrig. Eine eigene Rahmenproduktion hält einzig Aarios aufrecht. Dazu eine Randbemerkung: Darüber, was im Volksmund als Schweizer Velo bezeichnet wird, darf neu gestritten werden. Bedarf es dazu eines in der Schweiz hergestellten Rahmens? Ist nur ein Schweizer Firmenkopf nötig? Oder ist das Merkmal die Schweizer Montage?
Wie dem auch sei: Alle führenden Schweizer Hersteller (Aarios, Cresta, Tour de Suisse und BMC) nutzen ihre Nähe zu den KundInnen geschickt und bieten die Möglichkeit, ihre Velos mehr oder minder an deren Wünsche anzupassen. Während man sich bei Importfahrrädern für ein fix ausgerüstetes Modell entscheiden muss, erhält man aus Schweizer Produktion in der Regel sein «persönliches» Zweirad – meist ohne grösseren Aufpreis. Wem diese Auswahl zu wenig weit geht, dem stehen einige Veloläden zur Verfügung, die Modelle nach Mass aufbauen und auch exotische Kundenwünsche erfüllen.
Die offenbar typisch schweizerische Vorstellung, wie ein Velo aussehen muss, hat einige internationale Firmen dazu bewogen, eigens für die Schweiz produzierte Modellpaletten herzustellen. Max Wernli vom Schweizer Univega-Vertrieb: «Die Schweizerin hat hohe Ansprüche und will z.B. einen Pletscher-Gepäckträger, Velos mit irgendeinem Taiwan-Gepäckträger bleiben im Laden stehen.» Die Univega Swiss-line glänzt denn auch mit qualitativ hochwertigeren Lichtanlagen, Ständern, Schlössern und Pneus. Mit dem gleichen Anspruch lassen auch Schweizer Firmen, die nicht über eine eigene Produktion verfügen (z.B. Canyon oder MTB Cycletech ), ihre Velos fertigen.

Kette verpackt – Trend Nabenschaltung
Das Problem der mal Hosen versauenden, mal ärgerlich quietschenden Kette löst Riese-Müller elegant. Die Kette führt beim «Avenue» geschlossen durch die Rohre der Hinterradschwinge: Ölen wird so nur noch selten nötig, kräftezehrende trockene Ketten sind fast ausgeschlossen. Biomega löst das Kettenproblem mit der Wiedereinführung des Kardanantriebs. Das Konzept imponiert: Es ist zwar etwas schwerer als ein Kettenantrieb, dafür sehr wartungsarm. Ein schlechterer Wirkungsgrad ist, subjektiv beurteilt, nicht spürbar.
Vor zwei Jahren erbrachte Rohloff mit der 14-Gang-«Speedhub» den Beweis, dass Nabenschaltungen punkto Gewicht, Leichtgängigkeit und Schaltbereich einer Kettenschaltung quasi ebenbürtig sein können. Der überraschende Erfolg der doch recht teuren Nabe kommt aber nicht von ungefähr: Bezüglich Schaltkomfort sind Nabenschaltungen den technisch mittlerweile wohl ausgereizten Kettenschaltungen überlegen: Sie können jederzeit geschaltet werden (auch im Stehen) und lassen eine gleichmässige Gangabstufung zu. Zudem können die zukunftsträchtigen geschlossenen Antriebsstränge nur mit Nabenschaltungen verwirklicht werden. So haben Sturmey Archer, Shimano und auch Sram neue Nabenschaltungen mit einem grösseren Bereich angekündigt. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Trek 6045: Die Macher haben erlickt, dass viele MTBs der Optik wegen in der Stadt gefahren werden, für diesen Einsatz ist eine Nabenschaltung prädestiniert.

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Giants neue Linie: Der Zeit einen Schritt voraus?

Sauber, schlicht und wartungsarm: Kardanantrieb beim Biomega


Integriert
Der Trend zum integrierten Design ist nicht nur bei der Schaltung erkennbar. Der Dynamo ist in die Radnabe gewandert und wird damit zuverlässiger. Das Biomega sowie auch das Giant «Prodigy» verfolgen – so unterschiedlich sie auch auf den ersten Augenblick scheinen – beide diese Strategie: Das Giant versorgt Kabel und Federelement, integriert den Scheinwerfer in den Lenker. Das Biomega führt die Kabel ebenfalls schick im Rahmen und integriert den Antrieb mit dem Kardan im Rahmendesign.

Fazit
Verglichen mit Velos vor fünf Jahren bekommen KonsumentInnen heute fürs gleiche Geld einiges mehr an Leistung, Komfort, Sicherheit, Individualität und Design. Immer mehr Baugruppen können im Design integriert werden, was zu betriebssicheren, wartungsärmeren Velos führt. Natürlich gibt es noch viele unbeackerte Felder, z.B. eine seriöse, ausfallsichere Lichtverkabelung, ein sicheres und praktisches Schliesssystem, Gepäcktransport, Wetterschutz, benutzergerecht abgestufte Rahmengrössen usw. Dennoch: Die Velowelt dreht sich, zwar langsam, aber sie dreht – und grundsätzlich in die richtige Richtung.
 
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