
Die
Erkenntnis vorweg: Auch bei den Alltagsvelos dreht sich die Welt – zwar
langsam, aber sie dreht. Augenfällig ist der Trend zu einerseits
technisch hoch entwickelten Modellen mit Scheibenbremsen, Federung oder
gar Elektronik. Andererseits gibts nun einen deutlich erkennbaren Trend
zu leichten, simplen und minimierten Velos, sowohl was Optik als auch
Gewicht betrifft. Das Spektrum wird immer breiter: Es tauchen am einen
Ende serienmässig ausgestattete Single-Speed-Velos auf (mit nur einem
Gang), und am anderen Ende geht Shimano den Weg zur elektrischen
Steuerung von Schaltung und Federung unverdrossen weiter.
Fahrkomfort ist weiterhin Thema: Vollgefederte Stadt- und Tourenvelos
sind etwas spärlicher, dafür meist mit guten bis sehr guten Lösungen
auf dem Markt vertreten. Riese und Müller wurde von der Gesellschaft
«Gesunder Rücken» ausgezeichnet, was sonst nur besonders guten
Bürostühlen vorbehalten war. Doch auch die Kombination gefederte
Sattelstütze/Federgabel behauptet ihren festen Platz, und mit der
Wiedereinführung der Ballonreifen (Schwalbes «Big Apple») scheint sich
eine Low-tech-Komfortlösung zu etablieren.
Arbeit an der Substanz
Die
meisten Velos definierten sich in den letzten 10 bis 15 Jahren vor
allem über die verwendeten Schaltkomponenten des Branchenführers
Shimano. Nun erhalten Rahmen, Zubehör und Details wieder mehr
Aufmerksamkeit, und das ist gut so: Eine gute Schaltung in Ehren, aber
was nützt sie, wenn einem die Einkäufe immer vom unpraktischen
Gepäckträger fallen? Der Vergleich zwischen dem Univega Geo30 und dem
Tour de Suisse Speed Drive verdeutlicht dies. Beide Velos sind
abgesehen vom Bremssystem im Grunde gleich ausgerüstet, das Tour de
Suisse glänzt neben den Scheibenbremsen mit einem edlen, schön
verarbeiteten Rahmen, einer Vielzahl an wählbaren Optionen (Farbe,
Lenker, Ausstattung etc.) und einem geringen Gesamtgewicht, das Univega
brilliert mit seinem erstaunlich günstigen Preis (vgl. Tabelle).
Individuelle Velos aus Schweizer Produktion
Nach
der Flurbereinigung der letzten Jahre blieben etwas mehr als eine Hand
voll Schweizer Velohersteller übrig. Eine eigene Rahmenproduktion hält
einzig Aarios aufrecht. Dazu eine Randbemerkung: Darüber, was im
Volksmund als Schweizer Velo bezeichnet wird, darf neu gestritten
werden. Bedarf es dazu eines in der Schweiz hergestellten Rahmens? Ist
nur ein Schweizer Firmenkopf nötig? Oder ist das Merkmal die Schweizer
Montage?
Wie dem auch sei: Alle führenden Schweizer Hersteller
(Aarios, Cresta, Tour de Suisse und BMC) nutzen ihre Nähe zu den
KundInnen geschickt und bieten die Möglichkeit, ihre Velos mehr oder
minder an deren Wünsche anzupassen. Während man sich bei
Importfahrrädern für ein fix ausgerüstetes Modell entscheiden muss,
erhält man aus Schweizer Produktion in der Regel sein «persönliches»
Zweirad – meist ohne grösseren Aufpreis. Wem diese Auswahl zu wenig
weit geht, dem stehen einige Veloläden zur Verfügung, die Modelle nach
Mass aufbauen und auch exotische Kundenwünsche erfüllen.
Die offenbar typisch schweizerische Vorstellung, wie ein Velo aussehen
muss, hat einige internationale Firmen dazu bewogen, eigens für die
Schweiz produzierte Modellpaletten herzustellen. Max Wernli vom
Schweizer Univega-Vertrieb: «Die Schweizerin hat hohe Ansprüche und
will z.B. einen Pletscher-Gepäckträger, Velos mit irgendeinem
Taiwan-Gepäckträger bleiben im Laden stehen.» Die Univega Swiss-line
glänzt denn auch mit qualitativ hochwertigeren Lichtanlagen, Ständern,
Schlössern und Pneus. Mit dem gleichen Anspruch lassen auch Schweizer
Firmen, die nicht über eine eigene Produktion verfügen (z.B. Canyon
oder MTB Cycletech ), ihre Velos fertigen.
Kette verpackt – Trend Nabenschaltung
Das
Problem der mal Hosen versauenden, mal ärgerlich quietschenden Kette
löst Riese-Müller elegant. Die Kette führt beim «Avenue» geschlossen
durch die Rohre der Hinterradschwinge: Ölen wird so nur noch selten
nötig, kräftezehrende trockene Ketten sind fast ausgeschlossen. Biomega
löst das Kettenproblem mit der Wiedereinführung des Kardanantriebs. Das
Konzept imponiert: Es ist zwar etwas schwerer als ein Kettenantrieb,
dafür sehr wartungsarm. Ein schlechterer Wirkungsgrad ist, subjektiv
beurteilt, nicht spürbar.
Vor zwei Jahren erbrachte Rohloff mit der
14-Gang-«Speedhub» den Beweis, dass Nabenschaltungen punkto Gewicht,
Leichtgängigkeit und Schaltbereich einer Kettenschaltung quasi
ebenbürtig sein können. Der überraschende Erfolg der doch recht teuren
Nabe kommt aber nicht von ungefähr: Bezüglich Schaltkomfort sind
Nabenschaltungen den technisch mittlerweile wohl ausgereizten
Kettenschaltungen überlegen: Sie können jederzeit geschaltet werden
(auch im Stehen) und lassen eine gleichmässige Gangabstufung zu. Zudem
können die zukunftsträchtigen geschlossenen Antriebsstränge nur mit
Nabenschaltungen verwirklicht werden. So haben Sturmey Archer, Shimano
und auch Sram neue Nabenschaltungen mit einem grösseren Bereich
angekündigt. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Trek 6045: Die
Macher haben erlickt, dass viele MTBs der Optik wegen in der Stadt
gefahren werden, für diesen Einsatz ist eine Nabenschaltung
prädestiniert.
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Sauber, schlicht und wartungsarm: Kardanantrieb beim Biomega |